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Zweimal im Leben Kapitel 1 (von Nicole Preuß)

Kapitel 1
 
Nelé war nun mittlerweile schon seit kurz vor sechs Uhr auf den Beinen. Sie hatte kaum etwas gegessen und alles was sie wollte, war nur noch nach Hause, eine Kleinigkeit essen und dann in ihr großes warmes Bett fallen, dass sie heut morgen so ungern verlassen hatte. Warum war es nur immer morgens am schönsten in den warmen und kuschligen Kissen und der riesigen Bettdecke zu liegen?
Der Tag war bisher schon sehr lang und anstrengend für sie gewesen, aber leider war ein Ende noch immer nicht in Sicht. Nach dem sie den ganzen Tag in der Bank gestanden hatte, sollte sie nun auch noch an einer Besprechung teilnehmen. Ausgerechnet heute! Nelé stand vor der großen grauen Eingangstür und schaute auf ihre Uhr. Es war 17.50 Uhr. Sie hatte also noch ganze zehn Minuten um sich wieder zu fangen und ein wenig zu entspannen. Denn dann musste sie sich wieder zusammen reißen und nach überzeugenden Argumenten zu suchen um ihre Pläne und Vorstellung einbringen und auch umsetzen zu können.
Sie schnippte ihre Zigarette weg und machte sich noch schnell auf den Weg zum gegenüberliegenden Bäcker. Wenn sie sich jetzt wirklich noch diese Besprechung antun musste, brauchte sie vorher unbedingt etwas zu essen, und sei es auch nur eine Kleinigkeit, denn ihr Magen knurrte schon.
 
Die warme Luft im Bäcker schwappte ihr beim Öffnen der Eingangstür förmlich entgegen und erst jetzt merkte Nelé, wie sehr sie draußen gefroren hatte. Kein Wunder, immerhin war es mittlerweile schon Mitte November und nicht die richtige Jahreszeit um kurzärmlige Blusen zu tragen. Doch das hatte sie heut morgen leider nicht davon abgehalten sich für eines ihrer Lieblingsoberteil, eine sündhaft teure, brombeerfarbende Bluse aus reiner Seide zu entscheiden und damit gegen den dicken Pulli, der auf jeden Fall angebrachter gewesen wäre, aber auch ziemlich kratzte. Was wohl ihre Oma dazu sagen würde, wenn sie sehen würde, wie leichtfertig Nelé mal wieder mit ihrer Gesundheit umging. Von ihr musste sie sich jedes Mal aufs neue anhören, dass sie später bestimmt Nierenkrank werden würde. Sicher lag die Vermutung nah und Nelé wusste, dass ihre Oma absolut Recht mir ihrer Befürchtung hatte, aber sie konnte all ihre Lieblingsklamotten auch im Winter trotzdem nicht im Schrank hängen lassen. Und wie heißt es so schön, wer schön sein will muss leiden und noch war sie ja kerngesund. Sicherlich würde das auch so bleiben, hoffte Nelé zumindest.
 
Total durchgefroren und mit einem Vollkornbrötchen in der eiskalten Hand betrat sie ein paar Minuten später den Besprechungsraum. Von der Gemütlichkeit die sie hier sonst allerdings immer empfand, war heute einfach nichts zu spüren. Wieder schweiften ihre Gedanken nach hause und zu ihrem Bett das sie jetzt nur allzu gern gegen das große rote Ecksofa eingetauscht hätte, auf dem sie es sich nun gemütlich machte. Aber wenigstens hatte sie es erst einmal warm, auch das tat schon gut, führte aber dazu, dass sich ihre Müdigkeit nun vollends ihren Bann brach und sie das ein oder andermal lauthals gähnen musste.
Sie hatte einen wirklich anstrengenden Tag hinter sich gebracht. Erst am morgen eine zweistündige Klausur in einem ihrer schlechtesten Fächer und dann nach der Mittagspause, die sie damit verbracht hatte einen Streit zwischen zwei Mitschülern zu schlichten, auch noch zu allem Überfluss einen Vortrag in Kunstgeschichte auf den sie nicht einmal richtig vorbereitet war. Wen interessierte es denn auch schon, was für Stilelemente Wright damals für seine Häuser genutzt hatte? Nelé auf jeden Fall nicht und außerdem lief am vergangenem Abend das Finale von Californication im Fernseher, was ihr wichtiger und unterhaltsamer erschienen war, als ein bisschen Farbe und ein Haus auf einem Wasserfall. Und als ob das alles nicht schon für eine ganze Woche reichen würde, sollte sie sich jetzt auch noch den Kopf darüber zerbrechen wie man den Schülern in ihrer Schule das Leben leichter machen konnte. Sie liebte diese Aufgabe, half auch gern bei Problemen weiter, aber heute hätte sie viel daran gesetzt, sich vor dieser Besprechung drücken zu können. Vor allem musste sie sich doch erst einmal darüber im Klarem werden, wie sie ihr eigenes Leben wieder leichter machen konnte um endlich wieder zur Ruhe zu finden und nachts durch schlafen zu können.
 
Mittlerweile war es schon nach 18 Uhr und Nelé wurde langsam ungeduldig, auch wenn sie genau wusste, dass Pünktlichkeit noch nie die Stärke der anderen gewesen war. Eigentlich war auch sie nicht gerade bekannt für ihre Pünktlichkeit, im Gegenteil, aber heute war ihr sehr viel daran gelegen alles so schnell wie möglich hinter sich kriegen um dann endlich nach Hause gehen zu können. Sie schloss die Augen und träumte vor sich hin. Wie schön wäre es jetzt, dachte sie, könnte sie auf ihrem Bett liegen, sich in ihre Decke einmurmeln, von ihrem Traumprinzen träumen und alles andere einfach vergessen können. Ein Rückzug in ihre kleine heile Welt, das war es, wonach sie sich heute noch mehr sehnte, als an anderen Tagen.
Als sie plötzlich Stimmen im Flur hörte, öffnete sie abprubt ihre Augen. Erschrocken über ihre Tagträume setzte sich gerade hin und strich sich die Haare aus ihrem Gesicht. Wenn sie hier nicht die halbe Nacht verbringen wollte, müsste sie die anderen schnell von ihren Plänen überzeugen und das würde bei weitem auf keinen Fall einfach werden.
 
Als die Tür aufging, sah sie Flo herein kommen. Die beiden kannten sich schon seit der Grundschule und hatten sich von Anfang an sehr gut verstanden. Nelé setzte sehr großes Vertrauen in ihn und wusste, dass er zwar stets ehrlich zu ihr war und sie damit auch das ein oder andermal verletzte, es aber nie böse meinte. Niemand sagte ihr so unbedacht die Wahrheit und es war auch gut, denn das gab Nelé die Möglichkeit bestimmte Dinge zu ändern. Flo wusste so viel über Nelé, dass es ihr manchmal regelrecht Angst machte, wie gut er sie kannte. Doch genauso wusste sie auch, dass er ihr mit seinem Wissen nie weh tun würde.
 
Nachdem die Beiden sich begrüßt hatten fiel Nelé der junge Mann hinter ihm auf. Er stellte sich als Ben vor und ließ sich auf den Sessel neben Flo fallen. Ben, dachte Nelé, sehr interessant und sie musste unwillkürlich lächeln.
 
Er hatte blonde kurze Haare und seine blauen Augen funkelten sie gefährlich an. Die rote Jacke die er trug reichte an den Ärmeln bis über seine Hände und sie sah, das auch die zu lange Hose an den Hacken durch das Laufen schon aufgerissen war. Das war also Ben. Na gut, warum nicht. Da laut Flo niemand weiter kommen würde und Nelé keine Lust hatte sich auch noch darüber aufzuregen, spannte sie die Schultern und war bereit die Besprechung beginnen zu lassen. Desto schneller sie fertig waren, desto eher war sie zuhause.
 
Ben saß nervös auf seinem Sessel und schaute auf die Couch hinüber. Wie sie da so saß, dachte er, so als hätte sie in den vergangenen Stunden nichts gemacht, dabei hatte ihm Flo gewarnt, dass sie den ganzen Tag Unterricht hatte und garantiert unausstehlich sein würde. Doch so empfand Ben sie überhaupt nicht. Sie saß auf der Couch mit durchgedrücktem Rücken und strahlte eine Ruhe aus, die er an diesem Abend nicht mehr erwartet hatte. Nur die kleinen Ringe unter ihren Augen und ihr zerzaustes blondes Haar ließen darauf schließen, dass sie wohl einen anstrengenden Tag hinter sich gehabt hatte. Sie trug eine dunkelblaue Jeans und dazu weiße Turnschuhe, die jetzt jedoch neben der Couch lagen. Wahrscheinlich tun ihr die Füße weh, dachte er bei sich und überlegte, wie es wäre, wenn er ihr nach einem so anstrengendem Tag wie den, den sie heute wohl hinter sich hatte, die Füße massieren würde.
 
Die Besprechung verlief besser als gedacht, bemerkte Nelé schon nach wenigen Minuten und fing an sich zu entspannen. Dieser Ben brachte gute Ideen ein und verstand sich perfekt darin, zwischen Flo und ihr zu vermitteln, bevor es zu einer Auseinandersetzung kam. Ab und zu brachte er sie sogar zum Lachen. Sie musste sich eingestehen, dass es ihr mittlerweile sogar Spaß machte mit den beiden Jungen zusammen zu sitzen. Doch nach einer guten Stunde waren alle Fragen vorerst geklärt und es war Zeit nach Hause zu fahren. Als sie vor dem Haus standen umarmte sie Flo. Es war natürlich für beide, da sie sich so vertraut waren und das seit Jahren schon ein ganz normales Ritual war. Dann stand sie Ben gegenüber. Sie wusste, dass sie in der ganzen Woche noch nicht so viel gelacht hatte, wie heute in der einen Stunde mit ihm, und dafür war sie ihm dankbar. Als er ihr seine Hand entgegenstreckte, drückte sie sie fest und verabschiedete sich mit einem breiten Lächeln von ihm.
 
Als sie im Auto saß, atmete sie erst einmal tief durch. Geschafft. Der Tag war vorbei und nun konnte sie endlich nach Hause fahren, heiß duschen und dann würde sie in ihr Bett fallen und tief und fest schlafen. Die noch anstehenden Hausaufgaben, müsste sie morgen von jemanden abschreiben, dass ging heute nun wirklich nicht mehr.
 
Ben lag in seinem Bett und ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Er hatte eigentlich gar nicht so gut begonnen, aber das Blatt hatte sich überraschend gewendet, als er am Abend den Besprechungsraum betrat und dort Nelé sitzen sah. Die Wirkung die sie auf ihn hatte konnte er nicht in Worte fassen und er wollte es auch nicht. Sie hatten eine Stunde lang zusammen gesessen und je näher das Ende des Abends rückte, desto mehr erhoffte er sich, dass es noch weitere Probleme zu besprechen gab. Er hatte das Gefühl auch ihr nicht unsympathisch zu sein, denn sie hatte über seine Witze gelacht und es passte nicht in sein Bild von ihr, dass sie nur aus Höflichkeit lachte. Warum sollte sie denn auch? Er vertrieb den Gedanken so schnell aus seinem Kopf wie er gekommen war. Sie mochte ihn, da war er sich ganz sicher, doch was von seiner Seite da für sie war und ob das über mögen hinaus führen würde, dessen war er sich noch lange nicht sicher. Brauchte er ja auch gar nicht, beruhigte er sich. Jetzt hatte er erst mal das Bild in seinem Kopf, wie sie sich über den Tisch gebeugt hatte um etwas aufzuschreiben und wie ihr eine Haarsträhne ins Gesicht gefallen war. Mit dem Gedanken daran, wie er ihr diese wieder hinters Ohr streichen würde, schlief er zufrieden ein.
 
Nelé schaute müde auf die Uhr. Mittlerweile zeigte sie schon zwei Uhr an. In den vergangenen Stunden hatte sie sich in ihrem Bett nur hin und her gedreht und konnte einfach nicht einschlafen. Immer wieder flogen ihre Gedanken zu Ben und seine Art sie zum Lachen zu bringen. Er hatte einfach nur da gesessen und eine Grimasse gezogen und schon waren alle bösen Gedanken aus ihrem Kopf verschwunden und sie fühlte sich entspannt. Aber das war nun schon einige Stunden her und jetzt sollte sie schlafen, da der bevorstehende Tag sicherlich nicht einfacher werden würde, als der den sie hinter sich gebracht hatte. Erst der Freitag wies einen kleinen Lichtstrahl auf, denn am Abend war sie mit Freunden in einer Bar verabredet. Sie würde tanzen, endlich mal wieder tanzen und dabei alle ihre Sorgen vergessen. Das Tanzen war für sie wie ein Wunder. Wenn sie begann sich zu drehen, blieb die Welt um sie herum stehen und es gab nur die Musik und sie. Sie wurden eins. Nelé verlor sich immer ganz in der Musik. Tanzen war ihr Leben und schon immer war es ihr größter Traum gewesen, irgendwann in einem riesigen Ballsaal mit einem wunderschönen Kleid und ihrem Traumprinzen zu tanzen. Sie sah alles ganz genau vor sich. Sie würde eine lange weinrote Robe tragen, die wie Seide über ihren Körper gleiten würde. Ihre Haare würde Nelé offen tragen, sodass ihre blonden Locken über ihre Schultern fallen könnten. Dann würde sie eine große Treppe hinuntergehen und unten würde ihr Traumprinz in einem atemberaubendem Anzug stehen und ihr seine Hand entgegenreichen. Er würde ihr sagen, dass sie die schönste Frau war, die er je gesehen hat und noch während er sprach, würde sich die Luft mit Musik erfüllen und hunderte von Kerzen würden aufflackern und mit ihrem Licht alles in einen weichen goldenen Schimmer tauchen. Zahllose Blumen würden an den Wänden erblühen und den großen Saal in einen herrlichen Garten verwandeln. Und dann würden sie im Walzertakt durch die große Halle tanzen, umrahmt von Kerzenlicht und blühenden Rosen. Türen und Fenster würden aufspringen, würden weißes Mondlicht, Sternengefunkel und den Duft der Nacht herein lassen. Und gemeinsam würden sie die ganze Nacht lang durchtanzen und sich wünschen, dass dieser Moment nie zu Ende geht...
 
Der Wecker schrillte, dabei hätte ihn Ben an diesem Morgen gar nicht gebraucht. Er lag schon seit gut einer Stunde hellwach in seinem Bett und dachte darüber nach, was an diesem Tag alles anliegen würde. In der großen Pause, so beschloss er, würde er sich im Schulhaus auf die Suche nach Nelé machen. Er musste sie einfach sehen, ihr Lachen hören, das Funkeln in ihren Augen bewundern. Wie war es nur möglich gewesen, dass sie ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Mittlerweile müssen sie doch schon seit vier Jahren beide täglich den größten Teil ihres Tages unter ein und demselben Dach verbracht haben. Vielleicht hatte er sie ja auch schon einmal gesehen, schoss es ihn durch den Kopf. Aber wie hätte er sie dann wieder vergessen können? Wie hätte er sie damals vergessen können, wo ihr Anblick sich doch jetzt so unverhofft und tief in sein Herz gebrannt hatte? Er sah sie, wie so oft in den vergangenen Stunden wieder vor sich. Sie trug ein bauchfreies blaues Oberteil und er hatte das Piercing gesehen, dass sie im Bauchnabel trug. Die kleinen Steine darin hatten im Licht gefunkelt wie ein Diamant und ihre Haut wirkte so weich.
Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie sich wohl anfühlen würde. In Gedanken strich er über ihren Bauch, spielte mit dem funkelndem Schmetterling ihres Piercings, spürte dabei die Schmetterlinge in seinem Bauch, und dann, ganz langsam, ganz sacht, strich er mit seinen Fingern über ihre Lippen. Auch die waren wahnsinnig zart und weich. Er wollte sich in ihr verlieren, wollte sie besitzen, ganz für sich allein. Wollte ihr ganz nah sein, sie in den Arm nehmen und nie mehr loslassen. Er schlug die Augen auf. Was hatte er nur für Gedanken? Das war doch gar nicht typisch für ihn und das würde er sich auch wieder ausreden. Eine Freundin zu haben bedeutete nur Ärger und Stress und all das war etwas, das er nun überhaupt nicht gebrauchen konnte. Er braucht seine Ruhe und ganz viel Zeit um sich auf seine anstehende Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Schließlich war das schon immer sein größer Traum gewesen und das würde er sich von niemanden kaputt machen lassen. Sicherlich nicht. Und auf keinen Fall von Nelé, auch wenn ihn ihr Lächeln halb um den Verstand brachte...

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